Herbert Kössner  -  "Goldstaub über der Wüste, Epos einer Wüstenliebe..."
 


Die kleinen Wunder
.....Bis heute mag mir der Sinn dieses Ereignisses verborgen geblieben sein, aber für diesen Augenblick bestand er darin, eine geheimnisvolle Gegend zu betrachten, die sich im Dunst des Dämmerlichts wie ein wahr gewordenes Märchen vor mir ausbreitete. Die länger werdenden Schatten schaukelten, als befände ich mich in Bewegung. Ein magisches Licht umhüllte mich, als wäre ich selbst der große Merlin und dies mein Zauberreich. Ganz plötzlich erstarb der Wind, Stille legte sich über die Wüste, als halte die afrikanische Welt am Totenbett des großen Lichtes den Atem an. Ein Sonnenball aber schien sich in der Erinnerung all seiner strahlenden Tage zum allerletzten Male zu seiner ganzen Größe zu entfalten. Im selben Moment, in dem er in einer atlantischen orangen Welle über sich selber floss, begann sich der Schatten des gewölbten Horizonts wie der Scheitel eines dunklen transsilvanischen Eichenwaldes auf diese Welt zu legen. Die dahinschwelende Sonnenglut verwandelte sich nacheinander zur Kuppel einer Moschee, zum aufragenden maurischen Minarett und zum ornamentbesetzten ägyptischen Grabbogen einer Königsgruft. Zuletzt schloss sie sich wie eine Schwertlilie am heiligen Strand in Abu Simbel an den Wassern des Assuan und goss in einem wunderbaren Moment eine blitzende Feuerkrone über den Erdrand. Es war mir, als zöge die letzte Helligkeit mein ganzes Ich mit hinunter hinter den Horizont, aus der angehenden Dunkelheit noch einmal hinein in die Welt des Lichtes......


Abenteurerblut
....Was mich in diese gottverlassene Gegend getrieben hatte, war ein, im wahrsten Sinne des Wortes, weißer Fleck auf der Landkarte. Im äußersten Süden, an der Grenze zu Usbekistan, hunderte Kilometer außerhalb jeder Versorgungsmöglichkeit, verbirgt sich eine weiß schimmernde große Fläche Nichts und weder topografische Landkarten noch Satellitenbilder gaben Aufschluss über dieses Gebiet. Ideale Voraussetzungen also, um ein Abenteuer zu beginnen. Nach all den wochenlangen Mühen und Aufregungen schien nun die Lösung dieses Weltenrätsels, eine Nacht davor in greifbare Nähe gerückt. Ein gelber, gerade einen Tag alter Mond, wie eine Lampe aus dünnem venezianischen Glas geblasen, von einem unbekannten Künstler mit zwei Kordeln aus Silberdraht an seinen Spitzen am zitterndem Licht der Sterne aufgehängt, wies mir ein schwaches Licht in jene verheißungsvolle Richtung südwärts.
Der Morgen, der das Geheimnis preisgeben sollte, war mit einer roten Sonne eilig über das Firmament gezogen. Wie ein Jäger in gelbgrünen Samtstiefeln trabte diese, den Tag vor sich hertreibend wie eine leichtfüßige, grazile Dorkasgazelle, nach Westen zu, eigens um der Venus’ Herz zu erobern. Als ich gegen Mittag dann endlich meine ungeduldigen Blicke darauf hinwenden konnte, hatte ich gerade noch Zeit, aus der Entfernung eine diamanten glitzernd weiße Fläche, von mystischen Nebeln tief verhangen, auszumachen. Bergkegel wie Zylinderhüte ragten aus einer dunstigen, hellen Masse in die Höhe. Mein noch durch die große Entfernung eingeschränkter Blick dauerte vielleicht eine halbe Minute, als hinter der letzten, von Büschen überwachsenen niederen Hügelkuppe, ein donnerndes Inferno losbrach. Ein Panzer, mit auf mich gerichtetem Kanonenrohr, brach mit Gebrüll aus dem Gebüsch, Lastwagen in panischem Tempo mit Soldaten auf den Ladeflächen stürmten mir entgegen und rissen mit blockierenden Rädern tiefe Narben in den Weg. Soldaten mit Kalaschnikows im Anschlag stürzten sich mir entgegen. Innerhalb weniger Minuten standen mir an die dreißig bewaffnete Militärs und ein Panzer gegenüber. Männer in zerschlissenen Uniformen liefen aufgescheucht durcheinander und vibrierend ekstatische Männerstimmen riefen dazwischen „amerikanski, amerikanski“. Von einem Helden in mir war nicht ein Schatten zu sehen und das wallende Abenteurerblut, sonst pulsierend heroisch, zerfloss in meinen Adern wie Ziegenbutter in einer altägyptischen Holzkalebasse. Ich weiß nicht mehr, wie viele Schläge mein Herz ausgesetzt hat, nur dass ich beide Hände hoch über meinem Kopf gehalten und mit meinem Reisepass wedelnd vor dem Auto stand und in dieses drohende Durcheinander aus Leibeskräften schrie, „nijet amerikanski, avstria tourist, tourist“. Ich hatte Glück.....


Im Souk
.....Die Alten sitzen auf der Straße in kleinen Gruppen beisammen und spielen im Sand Brettspiele mit Schraubverschlüssen weggeworfener Plastikflaschen. Sie sind vertieft in ihre Welt, stecken die Köpfe zusammen und blicken sich nicht um. Sie sehen für diese kurzen Momente des Glücks nur ihre eigene Welt. Wo andere über Insekten klagen, sehen sie nur die Falken über den Palmen kreisen. Wo andere über den fauligen Gestank von am Boden zertretenem Obst des Marktes die Nase rümpfen, riechen sie nur den süßen Duft der Mandelblüten in den Gärten. Wenn andere sich über die schrille und aufdringliche Gleichförmigkeit der Musik aus den Radios beschweren, hören sie nur den Zauberklang magischer Flöten im Lieblingscafé. Dies alles steht in ihren Augen und Gesichtern geschrieben, wenn ich einen winzigen Augenblick, länger als erlaubt, erhaschen kann.
Und doch, nach dem Ruf des Muezzins kehrt langsam Stille ein in die Gassen jenes Dorfes. Die letzten Stände werden abgebrochen und die übrig gebliebenen Waren für das nächste Mal sorgsam wieder verpackt. Es wird ruhiger und der Marktplatz leert sich rasch. Schon sinkt die feuerrote Sonnenscheibe hinter das Minarett und färbt die ganze Landschaft in ein beinahe außerirdisch rotes Licht. Die Geschäfte unter den Lauben werden geschlossen und die blechernen Rollläden heruntergelassen. Die Ruhe kommt so rasch über das Dorf, wie am Morgen der Trubel kam. Die Stille und die hereinbrechende Dämmerung beruhigt die noch aufgebrachten Gemüter der Menschen, die im Dorf geblieben sind. Allein die Caféhäuser bleiben geöffnet und schon erhellt deren im Inneren hängende Glühlampe auch den Vorplatz.
Ich setze mich etwas abseits von den anderen Gästen, trinke ein Glas Pfefferminztee und rauche eine Wasserpfeife. Ich denke nicht an morgen, sondern an den vergangenen Tag und seine Erlebnisse. Für jene Weile beherrscht die Eindringlichkeit des Augenblicks den Rhythmus meines Lebens. Ohne Hast und ohne Zwist. Augenblicke, die meine Seele nicht durchdringen wie eine wütende Feuersbrunst, sondern verzaubern wie das leise Plätschern des Bächleins im Palmengarten......
 

 
Startseite  -  Das Buch  -  Leseprobe  -  Autor  -  Förderer  -  Buchbestellung  -  Impressum